Kritik, keine Karteileiche

AUFLÖSUNGSERLKÄRUNG

Das wichtigste am Anfang: Wir, die Gruppe Belle Vie Hannover, lösen uns auf. Das hat profane Gründe und wer unsere Aktivität im Internet verfolgt hat, wird bereits seit längerem mitbekommen haben, dass da nicht mehr so viel ist. Wir wollen unser Dasein nicht als Online-Karteileiche fristen. Dennoch sei uns an dieser Stelle ein kleiner Rückblick erlaubt.

Wir gründeten uns 2013 als irgendwie israelsolidarische Jugendantifa-Gruppe. Damals hatten wir das Bedürfnis, eine mit Positionen der radikalen Linken vereinbare israelsolidarische, aber dennoch antinationale, antirassistische Position zu artikulieren. Es gehört zu den normalen Prozessen in einer solchen Gruppe, dass wir irgendwann merkten, dass die von uns vertretenen Positionen, die mit den Schlagworten antideutschideologiekritisch annäherungsweise zu fassen wären, nicht mehr mit dem zutiefst konformistischen, gleichsam marginal wie gesellschaftlich hegemonial gewordenen Vorstellungen einer radikalen deutschen Linken versöhnbar waren. Interessanterweise merkten die Linken das zuerst und belegten uns mit Funktionsverboten und Ächtung, so richtig sprechen wollte mit den antideutschen Schmuddelkindern schnell niemand mehr. Zu unseren Verdiensten zählen wir eine unmissverständliche Kritik des Islams (siehe Broschüre 1 und 2), die Kritik der spezifischen Zurichtung in der postmodernen Welt (z. B. Veranstaltungsreihe „Savoir Vivre“) oder konkrete Interventionen in den deutschen Alltag gegen den zeitgenössischen Antisemitismus (Aktionen gegen Jakob Augstein, Günther Grass oder die Palästina Initiative Hannover), die so in Hannover selten oder gar nicht als organisierter Widerspruch vertreten wurden.

An die 40 Veranstaltungen, zwanzig Texte, dutzende Demonstrationen, tausende Flyer, zwei Broschüren und eine Vielzahl an Bündnistreffen später: In Hannover hat sich seit unserer Gründung reichlich wenig geändert. Die autonomen Subkulturzecken vom UJZ Korn rödeln weiter sinnentleert vor sich hin, während der Dschihadismus vor der Haustür nach wie vor ein Zentrum betreibt. Das notorische sektiererische Bedürfnis, sich zu organisieren, manifestiert sich in der Beliebigkeit der zahlreichen Antifa-/Antira-/usw.-Gruppen, die sich genauso schnell wieder auflösen, wie sich ihre Facebook-Fanpage erstellen und ihre Selbstverständis-Phrasen auf einen Blogsport-Blog hochladen lassen. Die Stadtgesellschaft ist (rot-)grün-deutsch, sie paktiert nach wie vor mit dem organisierten Vereinsunwesen des legalistischen Islam oder mit dem Antisemitismus in Gestalt z.B. der Palästina Initiative. 

Dass auch die Weltlage sich nicht zum Besseren zu wenden scheint, ist vielfach besprochen. Ein entgrenzter postmoderner Kapitalismus fegt noch den letzten Rest von bürgerlicher Freiheit und Aufklärung zur Seite, über den hinauszugehen wäre. Die warenförmige Gesellschaft kommt zu sich selbst. Ein globaler Regress ist festzustellen, der die Möglichkeit von Kritik wohl in Zukunft noch weiter erschweren wird. Die Verstelltheit der Praxis ändert aber nichts an der grundlegenden Notwendigkeit von Kritik, die sich selber überflüssig zu machen trachtet und darin die Möglichkeit von Versöhnung, die Möglichkeit des Belle Vie, aufbewahrt.

Deswegen hoffen wir auch, dass andere unseren Platz einnehmen und die Tradition einer kompromisslosen, organisiert hervorgebrachten Ideologiekritik der gegenwärtigen Verhältnisse in Hannover fortführen werden. Ob eine Politgruppe in Tradition der Antifa dafür die richtige Form ist, sei dahingestellt.

Wir möchten außerdem an dieser Stelle allen unseren Mitstreiterinnen, Genossen und Freundinnen danken. Darunter die mittlerweile aufgelöste Antideutsche Aktion Berlin, die verdienstvolle Association Progrès aus dem Eichsfeld, der Aktion Zaungast aus Bremen, den Freunden Israels in Hannover. Auch allen heimlichen Sympathisanten wollen wir zuwinken und sie auffordern, das Programm der Denunziation des Wahns und seiner Abschaffung zu unterstützen.

Belle Vie – Antideutsche Gruppe Hannover im November 2019